Symbole&Kirchenraum

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Autor: Eckhard Bieger S.J.
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Umsetzung:
B. Richter nach Vorlage von R. Jouaux


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Renaissance



Während nördlich der Alpen noch bis ins 16. Jahrhundert gotische Kirchen gebaut wurden, entwickelte sich in Italien eine ganz andere Konzeption des Kirchbaus. Dort hatte die Gotik nicht die bestimmende Bedeutung für die Darstellung des christlichen Glaubens wie im Norden und Westen gefunden. Gotisch ist dann auch eigentlich ein Schimpfwort, abgleitet von den Goten, die Italien und seine Hauptstadt erobert und dem römischen Imperium im Westen das Ende bereitet hatten. Die Westgoten eroberten 410 Rom, die Ostgoten errichteten ein Reich mit der Hauptstadt Ravenna und nicht Rom, die Langobarden besetzten den Norden. Der Süden Italiens stand lange unter der Vorherrschaft des oströmischen Kaiserreichs.
Italien besann sich auf seine antiken Wurzeln. Die Renaissance bezeichnet nicht, wie die karolingische Renaissance, eine Rückkehr zu den christlichen Wurzeln, sondern zu der griechischen und römischen Kultur. Das hing auch damit zusammen, dass seit den Zeiten Karls d. Gr. die Deutschen die Oberhoheit über Italien beanspruchten. Die Staufer versuchten diese in vielen Kriegszügen gegen die Städte Norditaliens vergeblich durchzusetzen. Die Renaissance war die Epoche, die von den norditalienischen Städten getragen wurde. Der Barock dagegen wurde von Rom geprägt. Die Renaissance bezog aus den antiken Vorbildern eine Symbolsprache, die sich sehr wohl für die Gestaltung von liturgischen Räumen einsetzen ließ. Klar gegliederte Fassaden und Innenräume lösen die Wände nicht wie die Gotik in Maßwerke und Fenster auf, sondern gliedern diese. Die Symbolsprache wird jedoch nicht nur aus dem Willen zur Einfachheit, sondern aus der Idee der Vollkommenheit gewonnen.

Die Idee der Vollkommenheit
Im Übergang zur Renaissance hat der Theologe Nikolaus aus dem Moselstädtchen Kues eine Gotteslehre entworfen, die mit geometrischen Vorstellungen arbeitet. Die Eigenschaften Gottes werden aus denen der Kugel abgeleitet. Auch das Dreieck als Bild für den dreifaltigen Gott wird, ausgehend von seinen geometrischen Eigenschaften, herangezogen, um eine neue Sprache über Gott zu finden. Dass die Kuppel als Halbkugel gestaltet wird und das Dreieck als Gestaltungselement über Portalen und im Kircheninnern zu finden ist, folgt aus theoretischen Überlegungen. Vollkommen sind das Quadrat und die Kugel. Diese fand man nicht nur in den Baudenkmälern, sondern auch in den Architekturbüchern der Antike. Aber auch diese Architekturidee war wie die des mittelalterlichen Kirchbaus durch die Theologie vorgeformt. Der Kreis beinhaltet Unendlichkeit und Vollkommenheit. Die Verbindung von Kuppel und Quadrat stellt die Beziehung der himmlischen Sphäre mit der irdischen Welt her. Das Quadrat symbolisiert die vier Himmelsrichtungen sowie die Vollkommenheit der geschaffenen Welt, die sich unter dem Himmel versammelt. Die Renaissance baut zuerst aber langgestreckte Kirchen entsprechend dem Vorbild der Basilika, so San Lorenzo in Florenz. Die vom gleichen Baumeister, Filippo Bruneleschi gebaute Kirche San Spirito, ebenfalls in Florenz, erinnert in ihrem Grundriss an einen romanischen Bau. Eine flache Kassettendecke wird durch größere und kleinere Kuppeln unterbrochen. Diese Kuppeln symbolisieren den Himmel und finden sich über den Altären in den Seitenschiffen. Diese Vielzahl auch kleiner Kuppeln findet sich in Deutschland an den Kirchen, die die Jesuiten neben ihren Kollegien bauten.
Aus Kreisen, Quadraten und Kuben gestalteten die Renaissancearchitekten die Kirchen. Das Ideal der Renaissance ist jedoch nicht die Kirche mit einem Längsschiff, sondern der Zentralbau. Donato Bramante baut in Rom den Tempietto di. S. Pietro in Montorio als Rundbau und entwirft für den Neubau des Petersdoms ebenfalls einen Zentralbau. Im Verlauf der Baugeschichte, die den Übergang in den Barock markiert, wird aus dem Zentralbau wieder ein Langhaus als Grundriss.
Die von der Renaissance verfolgte Idee der Vollkommenheit sieht in dem Baukörper selbst die Vision verwirklicht. Daher streben die Bauten nicht, wie gotische Kathedralen, nach oben. Das lässt sich an den Fenstern zeigen. Diese haben keinen Rund- oder Spitzbogen mehr, sondern sind waagrecht nach oben begrenzt. Der Barock öffnet die waagrechte Linie nach oben, indem einfach der obere Fenstersturz unterbrochen ist und so eine Öffnung nach oben entsteht.
Die Bauidee der Renaissance fand nördlich der Alpen keinen Anklang. Erst einmal gab es genug Kirchen, da auch nach dem 13. Jahrhundert, der großen Bauepoche der Gotik, bis ins 16. Jahrhundert hinein spätgotische Kirchen gebaut wurden. In den Wirren der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges waren keine Kapazitäten für den Bau neuer Kirchen verfügbar. Zudem entvölkerten der Dreißigjährige und die anderen Religionskriege die Länder der Reformation, so dass keinen neuen Kirchen gebaut werden mussten. So hat die Renaissance in Deutschland eher den Bau von Rathäusern und Schlössern geprägt, bedeutende Kirchenräume sind nicht entstanden.
Die Ideen der Renaissance wurden nach dem Zeitalter des Barock und des Rokoko noch einmal im Klassizismus aufgegriffen. Am Berliner Dom oder der Basilika von Sankt Blasien kann man in Deutschland die Architekturidee der Renaissance studieren.
Ein Grund, warum kein zündender Funke von der Renaissance auf den Kirchbau übergesprungen ist, liegt auch an der Verweltlichung des kirchlichen Lebens. Die Renaissance war keine spirituelle Bewegung, sondern suchte den Menschen neu zu entdecken. Es gab zwar ein großes Bauprogramm der Renaissancepäpste. Diese wollten aber nicht die Menschen spirituell herausfordern, sondern das im Mittelalter heruntergekommene Rom mit neuem Glanz erstrahlen lassen. Die vielen Misstände, die Luther selbst in Rom beobachten konnte, waren Auslöser der Reformation.
Ein weiterer Grund für fehlende Renaissancekirchen ist die gewisse Sterilität der Architektur. Alles wird in Kästchen, auch die Kuppeln und Decken, durch Kassetten gegliedert. Nur die Kuppel schafft einen größeren Rahmen. Anders als die Architektur hat die Malerei viele Inspirationen durch die Renaissance empfangen. Renaissancemaler greifen wie die mittelalterliche Kunst biblische Szenen auf. Renaissancealtäre wurden in romanischen und gotischen Kirchen aufgestellt. Allerdings wirken diese Altäre im Vergleich zur Barockkunst auch wie aus Kästchen zusammengesetzt und am Rande mit kleinen Säulen nachträglich verziert.
Es gibt eine in der Liturgie begründete Dynamik, die von der Renaissance zum Barock führte. Denn die Liturgie wurde auch nach der Reform durch das Konzil von Trient in der bisherigen Form weitergeführt und nicht auf die Idee des Zentralbaus angepasst. Es überschnitten sich zwei Tendenzen: Der für ein Langhaus konzipierte Gottesdienst und der auf die vollkommene Form hin konzipierte Zentralbau. An den Planungen des Petersdoms ist die Entwicklung abzulesen. Er war von Bramante als Zentralbau entworfen. Die Kuppel blieb in allen Planungen, jedoch wurde, wie in der Romanik, der Kuppel ein Langhaus vorgelagert.

Die Reformation ist erst einmal nicht mit einer neuen Baukonzeption aufgetreten. Es ist eine an der Schrift orientierten Frömmigkeit. Die Leute kauften Bibelübersetzungen und benutzten die Kirchen, die im Laufe des Mittelalters in großer Zahl gebaut worden waren. Man konnte an die Hallenkirchen der Bettelorden anknüpfen, die bereits der Predigt eine größere Bedeutung gegeben hatten. Die Kanzel rückte in den Mittelpunkt. Da es in den Städten viele Klöster der Bettelorden gab, die zu einem guten Teil verlassen worden waren, bestand kein Bedarf an neuen Kirchbauten. Erst der Dreißigjährige Krieg machte ein neues Kirchbauprogramm notwendig, das dann im Barock, vor allem in Süddeutschland, umgesetzt wurde.

 

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