Symbole&Kirchenraum

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Autor: Eckhard Bieger S.J.
© www.kath.de
Umsetzung:
B. Richter nach Vorlage von R. Jouaux


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Kirchbau des 20. Jahrhunderts



Die Materialität als Medium der Begegnung mit dem Göttlichen



Der Kirchbau des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war durch die Neugotik und die Neoromanik geprägt, nur wenige Kirchen wurden in der Epoche des Klassizismus gebaut. Die Wiederholung des Mittelalters konnte auf die Dauer nicht befriedigen. Wenn man dem Christentum in der Neuzeit eine Gestalt geben wollte, musste man die Entwicklungen der modernen Kunst aufgreifen. Tastende Versuche in der Malerei, der Musik wie auch in der Architektur begannen nach dem 1. Weltkrieg. Die Zerstörungen des 2. Weltkriegs und der Aufbau neuer Stadtteile und Trabantenstädte mit der Neugründung von Pfarreien gaben den Architekten neue Chancen, zumal die Kirchen über genügend Geld verfügten. Was waren die Inspirationen, die in den modernen Kirchen Gestalt gewannen?

Die Kargheit moderner Kirchenräume zeigt, dass nach den Kriegen des 20. Jahrhunderts eine ganz andere Antwort auf die Zeiterfahrungen formuliert wurde als im Barock, der nicht zuletzt eine Gegenwelt gegen den Dreißigjährigen Krieg sein wollte. Nach den Kriegserfahrungen des 20. Jahrhunderts herrschte eine Art Bilderfeindlichkeit und negative Theologie. Und doch bestand die Aufgabe darin, im Kirchenraum eine religiöse Erfahrung zu ermöglichen. Wenn es aber keine religiösen Bildwerke außer dem Kreuz und dem Kreuzweg und vielleicht einer Marienstatue geben sollte, wie kann man eine mystische Erfahrung vermitteln. In der Gotik war es das Medium des Lichtes, das zwischen menschlicher und himmlischer Welt vermittelten sollte. In der Moderne muss es die Materie sein, die einen Zugang zum Göttlichen erschließen kann. Sie hatte sich durch die Erkenntnisse der Atomphysik als etwas Geheimnisvolles gezeigt. Nicht mehr wie im 19. Jahrhundert konnten die Atome als kleine Kügelchen vorgestellt werden. Die Materie selbst ist weder eindeutig Energie noch Korpuskel. Immer tiefer dringt der Mensch in die Materie vor und weiß durch die Astronomie, dass das ganze Weltall aus einem Punkt von höchster Energiedichte durch den sog. Urknall entstanden ist. Wenn wir einen Stein anfassen, berühren wir ein Geheimnis, zusammengesetzt aus Energie und Elementarteilchen. Indem die moderne Malerei die Abbildung von Gegenständen durch die Komposition von Flächen und Formen ersetzt hat, gibt sie dem Architekten die Möglichkeit, Kirchen durch Flächen zu gestalten und die Materialität des Betons oder der Steine als Geheimnis erscheinen zu lassen. Wenn also dem Besucher eine Wand aus Ziegelsteinen oder Beton vor das Auge gestellt werden, dann nicht, um die Materie als letzte Antwort auf die menschliche Sinnfrage zu präsentieren, sondern als ein Medium, das uns das Geheimnis eröffnet. Vielleicht übt auch deshalb die buddhistische Spiritualität für die Menschen im Westen eine solche Anziehungskraft aus, weil sie in einem Stein, einem Baum, einem Garten die Begegnung mit dem Geheimnis verspricht.
Von großem Einfluss war das Dessauer Bauhaus, das gegen Jugendstil und den Formenreichtum der Jahrhundertwende klare Linien setzte. Diese Tradition wurde nach dem Krieg von der Ulmer Schule für Gestaltung wieder aufgegriffen, so dass die Kirchen mit ihrer klaren Linienführung nüchtern wirken.
Der Kirchbau hat auch im 20. Jahrhundert Räume für eine Prozessionsliturgie gebaut. Oft sind es Hallen, so wie die erste dieser Kirchen, die Fronleichnamskirche in Aachen, 1928-1930 erbaut von dem Architekten Rudolf Schwarz. Er kontrastiert den schwarzen Boden mit dem Weiß der Wände und der Decke. Wie in der Romanik erstrahlt die Kirche auch außen in hellem Weiß. Das Licht kommt von oben in den Raum aus den hoch liegenden Fenstern und im Chor auch von der Seite. Im Kirchbau werden auch biblische Motive aufgegriffen, so von Gottfried Böhm, der aus Beton zeltartige Gebäude formt. Bereit sein Vater Dominikus Böhm gehörte zu den Pionieren modernen Kirchbaus. In Frankreich haben Henri Matisse und Le Corbusier Kirchenräume entworfen. Die Rosenkranzkapelle in Vance von Matisse malt große Fenster, die den Innenraum geheimnisvoll erleuchten. Die Wallfahrtskapelle von Ronchamps wird als in sich geschlossener Raum fast ohne Fenster gestaltet. Das Licht kommt durch drei Schächte in den Raum. Das außen wuchtige erscheinende Dach wirkt innen wie ein Zelt, das über die Mauern gespannt ist.
Neue Kirchen wurden in den Nachkriegjahren gebaut, einmal um zerstörte Gebäude zu ersetzen, zum andere auch für neugegründete Kirchengemeinden in neuen Stadteilen. Seit etwa 30 Jahren kam es nur selten zu neuen Entwürfen. Das liegt auch darin, dass die Kirchen viele Mitglieder verlieren.
Die Menschen in der Späten Moderne werden der Nüchternheit der Nachkriegsbauten langsam überdrüssig. Ein neuer Stilwille ist gefragt. Doch werden diese modernen Kirchenräume aus der Mitte des Jahrhunderts wie die Kirchen der Romanik, der Gotik oder des Barock erhalten bleiben, weil sie die Impulse ihrer Zeit aufgegriffen haben, sich von der Liturgischen Bewegung und theologischer Strömungen inspirieren ließen und dem Glauben eine neue Gestalt gegeben haben. Vielleicht müssen die Räume mit einer neuen liturgischen Bewegung wieder mehr belebt werden.

 

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